Diplomarbeit

Thema: Einfluss von aktivem und stillem Qigong auf die Gehirnaktivität und die psychische Befindlichkeit bei erwachsenen Anfängern und Fortgeschrittenen

Einleitung

„Der Mensch ist krank, weil er nie ruhig ist.“ (Paracelsus, 1493-1541)

Diese frühe Aussage des bedeutenden Arztes und Philosophen bekommt heute, in unserer hektischer werdenden Gesellschaft, mehr Bedeutung denn je. Die physischen und psychischen Anforderungen an den Menschen steigen durch den Wettbewerb auf dem globalen Arbeitsmarkt. Komplexere Arbeiten, Arbeitsintensivierung und Termindruck bestimmen deshalb den Alltag der Menschheit. Neben den beruflichen Belastungen erwarten den Menschen zusätzlich Verpflichtungen in Familie, Haushalt und Freizeit. Reichen die persönlichen Ressourcen zum Bewältigen der Aufgaben nicht aus, so fallen Menschen in einen Zustand dauerhafter Erregung, der allgemein als Stress bezeichnet wird. Dieser Zustand ist unter anderem durch eine erhöhte Herzfrequenz, eine schnelle flache Atmung, Muskelspannung und innere Unruhe gekennzeichnet. Heute ist bekannt, dass das Fehlen von Ruhezuständen und damit zusammenhängend die Manifestation von Stress, weitreichende physische und psychische Folgen haben kann. Neben der Entstehung von Herz-Kreislauf-, Stoffwechsel-, gastrointestinalen und psychischen Erkrankungen ist auch das Gehirn ein unmittelbares Zielorgan des Stresses. Dort wirkt Stress negativ auf die neuronale Plastizität und kann sogar zur Schrumpfung von Gehirnstrukturen führen. (vgl. Kaluza, 2007)
Was das bedeutet, zeigt sich mit der Betrachtung der neuronalen Plastizität. Kaluza (2007, S. 26) meint damit „(…) die grundlegende Fähigkeit des Gehirns, die Verschaltungen zwischen den Nervenzellen in Abhängigkeit von ihrer Benutzung zu verändern und damit seine eigene Feinstruktur umzubauen“. Während im Zusammenhang mit dem Hormon und Neurotransmitter Noradrenalin neuronale Verschaltungen ausgebaut werden, kann es durch dauerhaften Einfluss des Stresshormons Cortisol auf das Gehirn zu einem Abbau oder zu einer Hemmung von Nervenzellverbänden kommen. (vgl. Kaluza, 2007)
Um die Folgen des Stresses zu vermeiden und damit das Krankheitsrisiko zu senken, ist es notwendig, das Bewusstsein für präventive Maßnahmen und deren Wirkungen zu wecken. Bereits die Anhänger der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) wussten vor mehr als 3000 Jahren von der Bedeutung des Gleichgewichts zwischen Ruhe und Bewegung. In dem komplexen Yin-Yang-Konzept dieser ganzheitlichen Behandlungsmethode bedeutet Yin unter anderem „Ruhe“ und Yang „Bewegung“. Beide Pole ergänzen sich stets. Der TCM-Philosophie folgend, führt ein Yin-Yang-Ungleichgewicht, das beispielsweise durch ein Übermaß an Arbeit (Bewegung/Yang) entstehen kann, zu Krankheiten. Die TCM ist daher sehr darauf bedacht, Yin und Yang im ständigen Gleichgewicht zu halten. Dem Yang muss zur Regeneration des Körpers und des Geistes das Yin (Ruhe) entgegengesetzt werden. Denn eine Vernachlässigung der Yin-Aspekte kann über Hektik und Stress zu unseren heutigen Zivilisationskrankheiten führen. (vgl. Hecker, Peuker, Steveling & Kluge, 2003)
Qigong, als eine von fünf Säulen der TCM, ist ein Übungssystem, das sich aus alten Schamanentänzen entwickelt hat (Cohen, 2008) und seit mehreren tausend Jahren eingesetzt wird, um dieses Yin-Yang-Gleichgewicht aufrechtzuerhalten. Die „Arbeit mit der Lebensenergie“, wie Qigong oft einfachheitshalber übersetzt wird, beinhaltet Bewegungen, Körperhaltungen, Atemübungen und geistige Übungen (Cohen, 2008). Die Aspekte der Ruhe und der Bewegung finden sich in allen aktiven (bewegten) und stillen (meditativen) Qigong-Übungen und sie lassen sich nicht voneinander trennen (ebd.). Weil Qigong auf dem Yin-Yang-Prinzip basiert und durch Energiearbeit das Gleichgewicht der beiden Pole erhält oder herstellt, kann mit diesem fernöstlichen Übungssystem folglich Krankheitsprävention betrieben werden.
Die Wissenschaft liefert heute zahlreiche empirische Belege dafür, dass Qigong auch eine Heilwirkung haben kann. Es liegen Studien vor, die die Wirkung von Qigong bei Herz-Kreislauf- sowie Atemwegserkankungen zeigen und sie bestätigen, dass es zu einer positiven Veränderung immunologischer Parameter führen kann (vgl. Kapitel 3.1). Auch bei Stress und psychischen Erkrankungen, die oft Folgen von Dauerstress sind (Kaluza, 2007), wirkt Qigong positiv (vgl. Kapitel 3.2). Untersucht wurden dabei sowohl das subjektive Stressempfinden als auch physiologische Stressparameter wie Stresshormone, die Herzfrequenz oder der Blutdruck. Hinsichtlich des Einflusses von Qigong auf das Gehirn, auf welches Stress, wie bereits dargestellt, eine Wirkung haben kann, steht die Forschung jedoch noch am Anfang. Da Stress im Gehirn entsteht und dort teils negative Veränderungen bewirken kann (Kaluza, 2007), Qigong aber das subjektive Stressempfinden positiv verändert, stellt sich die Frage, ob Qigong nicht auch direkt positiv auf das Gehirn wirken und Einfluss auf die Gehirnaktivität haben kann. Der Frage, wie Qigong im Gehirn wirkt, nahmen sich nur einige wenige Qigong-Forscher oder Neurowissenschaftler an. Doch die Ergebnisse der Studien, die sich bisher lediglich dem stillen Qigong widmeten und zumeist Qigong-Experten heranzogen (vgl. Kapitel 3.3), sprechen für sich und zeigen, welch großer Forschungsbedarf besteht. Nach ihren Untersuchungen sind einige Forscher der Auffassung, dass Qigong einen positiven Effekt auf die Neuroplastizität hat, in der man „(…) ein großes Selbstheilungspotenzial des Gehirns vermutet“ (Nelles, 2004, S. 2).
Die Studie, die dieser Arbeit zugrunde liegt, nimmt sich der Untersuchung des Einflusses von Qigong auf die Gehirnaktivität an und soll dabei das Forschungsfeld erweitern. Nachdem bisher lediglich elektroneurophysiologische Studien zum stillen Qigong veröffentlicht wurden, entstand die Idee, das aktive (bewegte) Qigong, als sehr beliebte Art des Qigong, zum Untersuchungsgegenstand zu machen und neue Erkenntnisse zu liefern. Mittels der Elektroenzephalographie (vgl. Kapitel 2.2) soll nicht nur der Qigong-Zustand nach der aktiven Form Wu Qin Xi (Das Spiel der fünf Tiere) festgestellt werden, sondern auch die Veränderung der Gehirnaktivität während und nach dem stillen Qigong. Durch einen Interventionszeitraum und die unterschiedliche Übungshäufigkeit der Experimentalgruppen werden auch Übungs- und Entwicklungseffekte untersucht, um Aussagen darüber machen zu können, wie schnell sich durch das Praktizieren von Qigong entsprechende Effekte einstellen. Zur Erfassung der psychischen Befindlichkeit und des Stressempfindens der Versuchspersonen kommen verschiedene Fragebögen zum Einsatz. Mit ihnen kann überprüft werden, ob das subjektive Empfinden der Qigong-Praktizierenden mit möglichen Veränderungen in der Gehirnaktivität einhergeht. Zusätzlich wird die Achtsamkeit der Teilnehmer erfasst. Diese Studie bezieht sowohl Anfänger als auch Fortgeschrittene ein, um einen Effekt des Qigong bezüglich des Erfahrungsgrads der Versuchspersonen feststellen zu können.

(Dies ist Kapitel 1 der Diplomarbeit. Die Gesamtarbeit kann auf Anfrage zugesendet werden.)

Literatur:

Cohen, K.S. (2008). Qigong: Grundlagen, Methoden, Anwendung. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag GmbH.

Hecker, H.-U., Peuker, E.T., Steveling, A. & Kluge, H. (2003). Handbuch Traditionelle Chinesische Medizin – Umfassend und praxisnah: Akupunktur, Akupressur, 5-Elemente-Ernährung, Kräuter-Therapie, Moxibustion, Qi Gong, Tuina. Stuttgart: Haug Sachbuch.

Kaluza, G. (2007). Gelassen und sicher im Stress (3., vollständig überarbeitete Aufl.). Heidelberg: Springer Medizin Verlag.

Nelles, G. (2004). Neuronale Plastizität. In G. Nelles, Neurologische Rehabilitation (S. 1-13). Stuttgart: Georg Thieme Verlag.

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